Gesellschaft für Personzentrierte Psychotherapie und Beratung e.V.

Inkongruenz der Woche: Sotschi!

13. Februar 2014 / Christa Kosmala (M.A.)

Inkongruenz der Woche: Sotschi!

von Christa Kosmala

Ganz ehrlich? Ich hatte nicht vor, mich mit den Olympischen Winterspielen in Sotschi zu beschäftigen. Mich interessiert das Thema nur am Rande der Gewahrwerdung. Da, wo es mir nicht gelingt, Ohren und Augen komplett zuzuklappen. Wie soll das auch gehen, ohne in ein Kloster zu ziehen, wo Zeitungen, Internetanschluss oder Smartphone kein Thema sind. Selbst wenn ich den Nachrichtenwust ignorieren könnte, in dem ich mich noch mehr in die Arbeit stürze, sind da immer noch die Familie, die Freunde, die Kollegen, die sich aufregen. Aufregen über Schlagzeilen zum Thema wie Gigantismus, explodierende Kosten, Menschenrechtsverletzungen, Umweltsünden, Ausbeutung von Bauarbeitern oder Terrorgefahr. Ein besonders heikles Thema, weil es sich bestens eignet, alle kritischen Geister wegzusperren, wie zum Beispiel den Umweltschützer und Olympiakritiker Jewgeni Witischko. Er wurde vier Tage vor Eröffnung der Spiele verhaftet – und  verurteilt wegen „Fluchens an der Bushaltestelle“ [1].

Alle regen sich also auf. Weil sie eben gern Olympia gucken wollen, weil sie Sport lieben, weil die Spiele eben der Völkerverständigung dienen sollen – und nicht dem Gegenteil. Wie aber soll man die sportlichen Wettkämpfe ungetrübt genießen können, wenn im Gastgeberland haarsträubendes Unrecht geschieht, das die täglichen Schlagzeilen mehr bestimmt, als der Geist von Olympia, die Sportler, die Disziplinen, die sportlichen Leistungen?

Ich wollte also am liebsten gar nichts hören oder sagen über die Olympischen Winterspiele in einem Land, in dem übrigens auch gar kein Winter sein kann, weil ein  „subtropisches Klima“ herrscht. Lauter Inkongruenzen, wohin man guckt. Das Gastgeberland wird auch „Putin-Land“ genannt – was allein schon für sich sprechen könnte. Aber da käme man schnell ins Schlingern, weil die USA auch „Obama-Land“ genannt werden. Den Unterschied machen aber die demokratischen Verhältnisse – auch wenn sie eine Qual sein können (weil man gleich an die Tea-Party-Bewegung in Obama-Land denken muss).

Aber hier geht es jetzt ja um Putin-Land – ein Land, in dem leider nicht nur der „Olympische Geist hinter Gittern sitzt“ [2]– sondern kritische Geister erst recht. Und auch andere sind in Gefahr, eingesperrt zu werden, weil sie  "Propaganda“ machen könnten für „nicht-traditionelle sexuelle Beziehungen [...]“. Hier gehört eigentlich noch der Rest des Satzes hin, der da heißt „mit Minderjährigen“. Aber man muss doch ehrlich zugeben, dass das die Sache noch komischer klingen lässt, als sie ohnehin schon klingt. Die Rede ist hier vom umstrittenen Gesetz gegen "Homosexuellen-Propaganda", dass „positive Äußerungen über Homosexualität in Anwesenheit von Minderjährigen oder über Medien wie das Internet unter Strafe“ stellt [3]. Also drohen Knast, hohe Geldbußen und was sonst noch. Auch für Ausländer übrigens, die nach Russland reisen, „um Kundgebungen von Homosexuellen“ zu unterstützen, wobei sie sich vermutlich außerdem die Olympischen Winterspiele angucken wollen. Überhaupt, wie sieht es eigentlich mit der Teilnahme homosexueller Sportler bei den „Winterspielen“ aus? Könnte das allein nicht schon eine Art öffentlicher „Kundgebung“ sein? Droht hier etwa Gefahr für schwule oder lesbische Olympiateilnehmer? Überhaupt, wie geht es eigentlich einem teilnehmenden Sportler, der homosexuell ist, in so einem Land?

 Aber ich war ja noch gar nicht ganz fertig mit meiner eigenen Inkongruenz.

Mein Thema ist ja, dass ich was hören und sehen muss, was ich eigentlich nicht hören und sehen will, zum Beispiel, dass man als Olympia-Besucher keine paar hundert Meter gehen kann, ohne kontrolliert zu werden. Jeder Hosenknopf oder BH-Verschluss kann gescannt werden, um Terrorgefahr „abzuwehren“. Davor sind schon gar nicht die eigenen Bürger gefeit, die auf dem Weg ins Zentrum zum Public-Viewing in Sachen Eröffnungsfeier so lange durch Sicherheitskontrollen geschoben wurden, bis die Eröffnungsfeier leider schon wieder ganz vorbei war (vgl. KstAz v. 07.02.14, S. 2).

Sobald ich also anfange, die schlechten Nachrichten über Putin-Land und Olympia in die Gehörgänge dringen zu lassen oder die Bilder vom Hochsicherheitstrakt Sotschi auf meiner Netzhaut erlaube (nicht das Vancouver kein Sicherheitstrakt war, aber das ist ein anderes Thema), fällt mir auch alles andere wieder ein, was ich schon vor „Sotschi“ im Putin-Land mehr als zum Fürchten fand: die ständige Verschlechterung der Menschenrechtsverhältnisse, die Journalistenmorde (Anna Politkowskaja und viele andere – bis heute), der Umgang mit Pussy-Riot oder eben das unsägliche Homosexuellen-Diskriminierungsgesetz, das vorher schon durchs Land geisterte. Putin sagte dazu zwar öffentlich, Homosexuelle sollten in Russland nicht diskriminiert werden, aber „das Gesetz ermöglicht nun einmal genau das, die staatlich geförderte Diskriminierung von Homosexuellen“ [4].

Ich bin also bei all dem, was sich für mich nicht zusammenbringen lässt und immer wieder meine Inkongruenz auslöst. Oder auch die Inkongruenz der Olympischen Winterspiele, versteht man sie als ein „Selbstkonzept“. Also, wenn man den Geist von Olympia (Völkerverständigung, Fairness, Gleichbehandlung u.a.) auch als das „Selbstkonzept“ von Olympia in Sotschi verstehen wollte, bestünde das Inkongruenzerleben darin, dass keine Übereinstimmung, kein Einklang, keine Verträglichkeit mit dem Pomp und Glanz der „teuersten Winterspiele der Geschichte“ [5] in einem Hochsicherheitstrakt möglich sein kann, in dem zuvor und immer wieder menschliches Unrecht geschah und geschieht.

Nach all dem also erkläre ich Sotschi zur Inkongruenz der Woche .

Aber! Würde es Sinn machen, wenn Länder, die die Menschenrechte missachten und demokratische Prinzipien aufgeben, als Austragungsort für Olympia ausgeschlossen wären? Kämen alle diese Nachrichten über das Unrecht dann in die Welt – und würden so viel Aufmerksamkeit erhalten? Kann die Weltgemeinschaft mit ihrem kritischen Augenmerk vielleicht sogar eine „moralische Instanz“ sein, die möglicherweise korrigierende Wirkung hat? Können die Spiele selbst auch eine positive oder gar befriedende Wirkung haben? Können sie Widersprüche im System versöhnlicher werden lassen, indem unter den Sportlern ein gemeinsamer, versöhnlicher, fairer Geist vorherrscht?  Können sie gar Nachdenklichkeiten der politischen Führung initiieren? Das kann man nicht wissen, also kann man es auch nicht ausschließen.

Was würde Rogers dazu sagen? Zum Beispiel eine Frage stellen, wie: „Ich fiedle, während Rom brennt?“ [6] Oder: „Kann der personzentrierte Ansatz einen nützlichen Beitrag zur Lösung dieser ungeheuren und gefährlichen globalen Probleme leisten?“ In „Kraft des Guten“ schreibt Rogers (1992, S. 135), das schließlich „die gesamte Öffentlichkeit manchmal über Nacht das Problem in voller Deutlichkeit“ erkennt und sich ein „klarer öffentlicher Wille“ entwickeln kann, die Probleme zu meistern. Dieser öffentliche Wille kann dann „ungeheure Kräfte“ in Bewegung setzen (das geschieht in dem einen oder anderen Land diese Welt gerade, ich sage nur Ukraine). Es bedeutet aber nicht, dass das „über Nacht“ geschieht – oder eine „rasche wundersame Lösung gefunden wird“. Aber sobald auch in einem höchst komplexen Geschehen einmal „diese Kurve genommen ist, sobald sich diese amorphe Masse 'Öffentlichkeit' entschlossen hat, ein Problem anzupacken, geht es plötzlich rasch vorwärts“ (ebd., S. 135).

Also, Öffentlichkeit schaffen, Ohren und Augen auf, hingucken, drüber reden, wo immer es geht.

 

 

[1] KStAz vom 07.02.14, S.2.

[2] http://www.tagesspiegel.de/sport/sicherheitsspiele-von-sotschi-olympischer-geist-hinter-gittern/9450510.html

[3] http://www.zeit.de/politik/ausland/2013-06/russland-homosexuelle-gesetz-diskriminierung

[4] vgl. Anna Laletina in ZEIT-online: Putin betreibt staatliche Diskreminierung, v. 01.07.2013)

[5] http://www.spiegel.de/politik/deutschland/gerhard-schroeder-kritisiert-deutsche-sotchi-berichterstattung-a- 952164.html

[6] Rogers (1992): die Kraft des Guten.Frankfurt am Main: Fischer. S. 133. 

 

GwG-Bloggerin Christa Kosmala:

Im Zweifel Rogers

Ich lebe in Köln und arbeite freiberuflich (nach dem Personzentrierten Ansatz / PZA)  als psycho-soziale Beraterin sowie als Kommunikationstrainerin und Autorin. Bevor es so weit kam, erfüllte sich für mich die Suche nach spannenden Lebensentwürfen sowie das Erforschen von Sinn- und Seinsfragen in einem geisteswissenschaftlichen Studium (Philosophie und Literaturwissenschaft als Lieblingsfächer), dass ich an der Uni Köln abgeschlossen habe (M.A.). Dazu kam das Schreiben von Artikeln, Drehbüchern, Reden oder Vorträge und die Beratung von Führungskräften. Doch dann begegneten mir die Bücher von Rogers und der PZA. Also habe ich noch mal "Personzentrierte Beratung" an der EFH Bochum studiert (M.A). und diverse Fortbildungen zum PZA gemacht - weil ich einfach nicht genug kriegen konnte. Und ganz ehrlich? Ich bereue keine einzige Stunde. :-)))

Website: www.meinekarriere-meinweg.de