Gesellschaft für Personzentrierte Psychotherapie und Beratung e.V.

Vom Ende der Kommunikation

26. Juni 2013 / Christa Kosmala (M.A.)

Vom Ende der Kommunikation

von Christa Kosmala

„Nie zuvor habe ich mich so verstanden gefühlt“, schreibt eine junge Autorin in einer Zeitung zu einem Song, der genau das ausdrückte, was sie gerade empfand. In diesem Song waren exakt die Worte zu hören, die ihre innersten Gefühle wiedergaben. Ein wahrer Glücksmoment! Oft ist es ja genau anders herum. Jemand hört etwas, einen Satz von einem Freund, eine Bemerkung von einem Kollegen, einen Wortbeitrag auf youtube – und die erste Reaktion „auf die meisten Feststellungen, die wir von anderen Menschen hören, ist eine sofortige Bewertung und Beurteilung“ (Rogers 1961/2006, 34). Für Rogers war diese Art von „Werturteilsfreudigkeit“ als solche eine „Hauptsperre der Kommunikation“ (ebd. , 327 f).

Zu beurteilen, zu verurteilen, vorzuverurteilen, abzuwerten, gering zu schätzen, das alles sind wiederum Re-Aktionen auf etwas Gesagtes oder Gehörtes. Solche Reaktionen passieren tagtäglich und (mehr oder weniger) jedem von uns. Sie verhindern aber genau das, was sie eigentlich wollen oder sollen, nämlich (förderliche) Kommunikation herzustellen. Stattdessen startet die Eskalationsspirale. Der Beurteilte, Verletzte wird „zurückschlagen“, falls er nicht wie ein geprügelter Hund davon schleicht. Läuft so ein Prozess einmal an und dazu noch über „Jahre“, ist da nicht mehr viel zu machen. Oder doch?

Wenn ich mir vorstelle, jemand sagt zu mir zum Beispiel das Folgende: „Ihre Äußerungen sind nur Halb-Richtig und das ist noch schlimmer als falsch. Deshalb verstehen Sie meine Ausführungen einfach als Anregung zum Weiterdenken. Schließlich kenne ich mich aus, denn ich bin seit Jahren theoretisch wie praktisch mit dem PZA vertraut.“ Meine spontane Reaktion? Als erstes käme mir vermutlich eine Reihe von üblen Schimpfwörtern in den Sinn. Die möchte ich Ihnen ersparen (ganz abgesehen von gewissen Fantasien wie Prügelstrafe, oder Ähnliches, die ich aber ebenfalls nicht weiter verfolge). Dann wäre ich also schon auf den Zug der Eskalation aufgesprungen. Doch wo liegt die Lösung? Wie geht es anders – anstatt nun selbst loszuschießen? „Diese defensiven Verzerrungen fallen erstaunlich schnell weg, sobald die Menschen verstehen, daß die Absicht einzig und allein darin besteht, zu verstehen, nicht zu beurteilen“ (Rogers 1961/2006, 327 f). Heißt, es geht darum, zu verstehen, was passiert mit mir als dem Empfänger einer Botschaft. Was erlebe ich genau in dem Moment, in dem ich so eine Satzfolge, wie die oben genannte, höre oder lese? Und was hat der Sender der Botschaft, derjenige, der mich so „angreift“, seinerseits in dem Moment erlebt, als er meine Äußerungen hörte oder las? Was passierte in ihm, in mir, in jedem von uns in diesem einen Moment vorher, bevor Bewertung, Urteile, Gerinschätzung herausplatzen und ihr zerstörerisches Werk tun – bevor ich „zurückschlage“? Es geht darum, ganz genau hinzuschauen, hinzufühlen bei sich selbst – erstmal bei sich selbst verstehen, was da gerade passiert.

Ich phantasiere nun also weiter: Wenn ich bei dem Beispiel bleibe, mir vorstelle, jemand sagt gerade diese drei Sätze zu mir – dann fühle ich – Wut, Angst, Scham. Das sind meine Gefühle und meine unmittelbare Bewertung des Gehörten. Allein diese Gefühle zu äußern (anstatt ebenfalls zu attackieren, anzugreifen, abschätzig oder geringschätzig zu re-agieren) verändern das Geschehen. Das könnte sich in etwa so anhören: „Ich ärgere mich sehr darüber, dass Sie meine Äußerungen bewerten und in meinen Ohren abschätzig beurteilen. Mit diesem Ärger im Bauch kann ich Ihre Ausführungen gar nicht als Anregung verstehen, sondern als eine Fortsetzung abwertender Äußerungen. Dabei habe ich einfach nur über mich gesprochen und ich habe nicht Ihre Kompetenzen in Frage gestellt.“ Und dann könnte es in etwas so weiter gehen: „Wieso hat meine Aussage in Ihnen den Impuls ausgelöst zu betonen, dass Sie sich besser auskennen und seit Jahren dabei sind? Es war doch meine Aussage dazu, wie ich die Dinge sehe.“ Fantasiere ich diesen Dialog noch weiter, könnte mein Gegenüber vielleicht antworten: „Ich erlebe immer wieder, dass Rogers so falsch verstanden wird. Da haben Sie vielleicht etwas von meinem Ärger darüber abgekriegt. Das tut mir leid. Wie haben Sie denn Ihre Äußerung genau gemeint?“

Damit wäre die Kommunikation raus aus der Eskalationsspirale, weil sie genau an dem Punkt angekommen ist, um den es immer geht, Gefühle, Gefühle, Gefühle: „Sobald die Gefühle offen zutage lagen, schrumpfte die Streitfrage, die so wichtig erschienen war, zu einem Nichts zusammen“ (Rogers 1977/1992, 112).

Was hat mich geärgert? Was hat mich verletzt? Warum hat es mich geärgert oder verletzt? Was hat das mit mir selbst zu tun? Was mit dem anderen? „Die Lösung liegt darin, eine Situation zu schaffen, die es jeder der verschiedenen Parteien ermöglicht den anderen vom Standpunkt des anderen aus zu verstehen“ (Rogers 1961/2006, 327f). Der Weg über Angriffe, Attacken, Beschimpfungen jedoch versperrt jedes Verstehen. Hier ist es auch möglich, schlägt Rogers vor, einen „Dritten“ hinzuzunehmen, der notfalls übersetzt, wenn dieser Dritte gewillt ist, „jeden Standpunkt der einen und der anderen Partei einfühlend zu verstehen“ (ebd.).

Die Absicht „zu verstehen“ hilft der Kommunikation, die Absicht, „zu beurteilen“ oder sich als „besser wissender Experte“ vorzustellen, hilft ganz und gar nicht. „Je mehr ich gegenüber den Realitäten in mir und im anderen offen bin, desto weniger verfalle ich dem Wunsch, herbeizustürzen und 'die Dinge in Ordnung zu bringen' “ (Rogers 1961/2006, 37).

 

Quellen:

ROGERS, Carl R.(1977/1992): Die Kraft des Guten. Ein Appell zur Selbstverwirklichung. Frankfurt am Main: Fischer.

ROGERS, Carl R. (1961/2006): Etnwicklung der Persönlichkeit. Psychotherapie aus der Sicht eines Therapeuten. Stuttgart: Klett-Cotta.

 

GwG-Bloggerin Christa Kosmala:

Im Zweifel Rogers

Ich lebe in Köln und arbeite freiberuflich als psycho-soziale Beraterin, Kommunikationstrainerin und Autorin. In meinem ersten Leben war "Suchen" das Thema, im zweiten Leben ging es schon mehr in Richtung "Finden". Also habe ich Artikel veröffentlicht, Geisteswissenschaften studiert (Philosophie und Literaturwissenschaft als Lieblingsfächer), Drehbücher, Reden und Vorträge (für andere) geschrieben. Und jetzt, im dritten Leben, herrscht ein stetiger Wandel zwischen "Suchen, Finden und Ankommen". Mein Schwerpunkthema ist (menschliche) Kommunikation. Nachdem ich vor einigen Jahren die Bücher von Rogers kennengelernt habe und so den "Personzentrieren Ansatz", habe ich den nebenberuflichen Masterstudiengang zum "Personzentrierten Berater" angehängt. Jetzt bin ich im letzten Semester. Und meistens liebe ich, was ich tue. 

Website: www.meinekarriere-meinweg.de