Personzentrierte Psychotherapie und Beratung – der humanistische Weg aus der Krise
40 Jahre GwG - 10. Fortbildungstage: vom 11. bis 13. Juni in Mainz im Erbacher Hof
Dr. Michael Halhuber-Ahlmann
Fotostrecke"Der an den Werten und dem Menschenbild der Humanistischen Psychologie orientierte Personzentrierte Ansatz, der den Menschen in seinen Sinn- und Lebenszusammenhängen wahrnimmt, ist gerade in der heutigen Zeit
unverzichtbar." So lässt sich zusammenfassen, was sich in den vier Hauptvorträgen und mehr als dreißig Workshops der zehnten GwG-Fortbildungstage in verschiedenen Facetten zeigte.
Diese Bestandsaufnahme steht in Kontrast zu der nüchternen Bilanz, dass die psychotherapeutische Ausprägung des Personzentrierten Ansatzes, die Gesprächspsychotherapie, durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) erst einmal administrativ entsorgt wurde. Das Bundessozialgericht (BSG) hatte sich aus rechtlichen Gründen nicht in der Lage gesehen, den G-BA zu korrigieren, der nach den Erkenntnissen des BSG auch anders hätte entscheiden können. Das konnte die Aufbruchstimmung der rund 270 TeilnehmerInnen im Mainzer Erbacher Hof nicht bremsen. Mainz war nicht die Stunde der Euphorie, aber die der nachhaltigen Gewissheit, mit dem Personzentrierte Ansatz Werte und Haltungen zu vertreten, die für alle Bereiche des gesellschaftlichen Miteinander unverzichtbar und bereichernd sind.
Aufbruchstimmung
Einige TeilnehmerInnen empfanden die Tatsache, dass die Rechtsverfahren zumindest vorläufig zu einem Abschluss gekommen seien - die Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts über die von den Klägern eingelegten Verfassungsbeschwerden werden Zeit brauchen -, sogar als Chance. Als Chance dafür, der Gesprächspsychotherapie und dem Personzentrierten Ansatz offen und offensiv neue Wege zu eröffnen: die Länder sollen in ihrer Zuständigkeit für die Ausbildung in die Pflicht genommen werden, Gesprächspsychotherapie soll im Kostenerstattungsverfahren und bei anderen Leistungsträgern verstärkt etabliert und vernetzt werden und der wachsende personzentrierte Beratungssektor soll noch intensiver ausgebaut werden.
Wie die Zukunft des Personzentrierten Ansatzes und der Gesprächspsychotherapie aussehen könne, skizzierte Michael Halhuber-Ahlmann, 1. Vorsitzender der GwG, in seiner Festrede zum 40-jährigen Jubiläum der GwG. Seine Rede eröffnete er mit der vor 60 Jahren formulierten Kernthese von Carl Rogers, die so aktuell ist wie ehedem:
"Das Individuum verfügt potentiell über unerhörte Möglichkeiten, um sich selbst zu begreifen und seine Selbstkonzepte, seine Grundeinstellung und sein selbstgesteuertes Verhalten zu verändern; dieses Potential kann erschlossen werden, wenn es gelingt, ein klar definiertes Klima förderlicher psychologischer Einstellungen
herzustellen."
Dr. Michael Halhuber-Ahlmann
Diese These, so Michael Halhuber-Ahlmann, "war im damaligen Umfeld der akademischen Psychologie und Psychotherapie revolutionär! Und sie ist es bis heute
geblieben." Er reflektierte die Nachkriegszeit, die 68er Bewegung, die Zeit des Aufbruchs, also die historischen Hintergründe, vor denen der Personzentrierte Ansatz in den 70er, 80er und 90er Jahren großen Auftrieb erfahren hatte und sich im psychosozialen Bereich dominierend etablieren konnte -
"traf er doch auf das Verlangen vieler, vor allem junger Menschen, Formen und Regeln, autoritäre Strukturen und Fassaden zu überwinden und an ihre Stelle Echtheit, Unmittelbarkeit, Selbstbestimmung zu setzen und solidarisches Miteinander zu leben. Es war wichtig, sich nicht nur gegen Altes zu wehren, sondern auch für etwas Neues zu stehen, für Werte einzutreten…. Für den einen oder anderen kam der Personzentrierte Ansatz mit seinem emanzipatorischen Angebot da gerade zur richtigen
Zeit."
Viele waren damals von dem Personzentrierten Ansatz begeistert, der von dem Vertrauen in die selbstverantwortete Lebensgestaltung jedes Individuums getragen ist und damit autoritären Lebensmustern ein humanistisches Modell entgegensetzte; dass es eine Therapie gab, die auf Autoritäten verzichtete; begeistert auch davon, dass Carl Rogers mit dem Tabu der Heimlichkeit brach, das damals die Psychotherapie umgab, indem er Beratungs- und Therapiegespräche auf Schellack-Platten aufzeichnete und sie so Außenstehenden zugänglich machte. Das war eine großartige Pionierleistung – erstmals waren exakte Analysen therapeutischer Prozesse möglich, erstmals wurde Psychotherapie Gegenstand wissenschaftlicher Beforschung.
Eine stürmische Entwicklung wird durch das Psychotherapeutengesetz zerstört
Michael Halhuber-Ahlmann blickte zurück auf die Zeit nach der Gründung der GwG im Jahr 1970: Die große Akzeptanz und der breite Zuspruch zu dem Ansatz manifestierte sich in den schnell wachsenden Mitgliederzahlen der GwG. Bis in die 90er Jahre hatte die GwG 8.000 Mitglieder und war damit der größte Fachverband für Psychotherapie und Beratung.
Nach dem Inkrafttreten des Psychotherapeutengesetzes 1999, für das die GwG-Mitglieder mit gekämpft hatten, wurde dieser Entwicklung ein jähes Ende gesetzt. Mit dem Ausschluss der Gesprächspsychotherapie aus der kassenärztlichen Versorgung wurde dem Personzentrierten Ansatz großer Schaden zugefügt und den PatientInnen wurde der Zugang zur Gesprächspsychotherapie versperrt.
Der 1. Vorsitzende der GwG betonte, dass die Gesprächspsychotherapie jahrelang eine tragende Säule in der psychotherapeutischen Vorsorgung war. Mit 55% war sie das am meisten angewendete Verfahren in der Versorgung. Dass gerade die Gesprächspsychotherapie durch das sachwidrige, von Anfang an auf Ablehnung ausgerichtete Vorgehen des Gemeinsamen Bundesausschusses und die damit verbundenen Vorhaltungen fehlender wissenschaftlichen Fundierung schwer beschädigt wurde, wurde durch seine Ausführungen zur Entwicklung der Gesprächspsychotherapie überdeutlich.
Bis zur Verabschiedung des Psychotherapeutengesetzes war das Verfahren an 90 Prozent aller Psychologischen Lehrstühle der Hochschulen etabliert und in der gesamten psychosozialen Landschaft vertreten. Dadurch, dass die Gesprächspsychotherapie von ihren mächtigen Konkurrenten mit vielerlei Winkelzügen aus der vertraglichen Versorgung ausgeschlossen wurde, wurden auch wichtige Strukturen zerstört. Besonders gravierend ist, dass die Heranbildung von gesprächspsychotherapeutischem Nachwuchs durch die blockierte Ausbildung an staatlich anerkannten Ausbildungsstätten vorerst unmöglich ist.
Im Mittelpunkt: Forschung und Ausbildung
Jahrzehntelang, so Michael Halhuber-Ahlmann, stand die wissenschaftliche Forschung zum Personzentrierten Ansatz im Mittelpunkt der Aktivitäten der GwG – ebenso die Entwicklung qualifizierter Ausbildungen und ethischer Richtlinien für die Gesprächspsychotherapeuten und die Personzentrierten Berater.
"Viele andere Therapie- und Beratungsansätze haben inzwischen wesentliche Elemente des Personzentrierten Ansatzes in ihre Ausbildungen und Anwendungen übernommen", sagte der 1. Vorsitzende. Darin komme zum Ausdruck, dass das Personzentrierte Konzept allgemeingültige Bedeutung gewonnen habe und aktuell eine Renaissance erfahre. Diese
"Übernahmen" seien einerseits ein deutlicher Hinweis auf die überragende Bedeutung und Allgemeingültigkeit personzentrierter Prinzipien und für die Patienten vorteilhaft; berufs- und fachpolitisch fügten sie dem Ansatz und der GwG jedoch weiteren Schaden zu.
Weiterentwicklungen des Personzentrierten Ansatzes
Dies alles sei jedoch nur die eine Seite der Medaille. Die andere: Permanent wurde und wird der Ansatz von zahlreichen Wissenschaftlern weiterentwickelt und den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und Notwendigkeiten angepasst, nach und nach wurden nicht nur Curricula und Standards – auch für den Bereich der Beratung – ausformuliert, sondern vor allem auch der Personzentrierte Ansatz selbst weiterentwickelt.
Über die fachliche Weiterentwicklung hinaus sei die GwG auch fachpolitisch engagiert und übernehme Verantwortung: Unter der Federführung der GwG ist eine bundesweit von gut 30 Verbänden mitgetragene psychosoziale Plattform für Beratung entwickelt und auf deren Grundlage die Deutsche Gesellschaft für Beratung gegründet worden, in der die GwG eine führende Rolle spielt.
Zukunftsperspektiven – insbesondere für Beratung
Aus diesem Aspekten heraus skizzierte Michael Halhuber-Ahlmann Zukunftsperspektiven für die GwG, insbesondere im Beratungsbereich und auch in unmittelbaren Dienstleistungen für besondere Zielgruppen. Hierzu zählten die bereits begonnenen Projekte wie die Personzentrierte Elternschule, die Personzentrierte Arbeit in Schulen, im Hospiz- und Palliativbereichen, ebenso in Wirtschaft und Verwaltung. Hier sei noch ein weiter Raum – der dank der Kreativität der GwG-Mitglieder nun auszufüllen sei. Als besonders wichtige Zukunftsaufgabe bezeichnete Michael Halhuber-Ahlmann die
"Kommunizierbarkeit des Personzentrierten Ansatzes". Es müsste eine allgemeinverständliche Sprache gefunden werden, die der Einmaligkeit des komplexen Ansatzes Rechnung trage, ohne in einen heute verbreiteten Reduktionismus zu verfallen.
Rede des 1. Vorsitzenden als pdf-Download
Festvortrag des 1. Vorsitzenden Dr. Michael Halhuber-Ahlmann (PDF, 230KB)
Klaus Dörner - Ein enthusiastischer Freund des Personzentrierten Ansatzes
Prof. Dr. Klaus Dörner
Der erste Hauptredner, Klaus Dörner, prominenter Reformer und Vertreter der Sozialpsychiatrie, präsentierte sein Geburtstagsgeschenk -
"zum Geburtstag bringt man etwas mit" -, als scharfsinnige und scharfzüngige Auseinandersetzung mit dem Personzentrentarierten Ansatz unter dem Titel
"Beiträge des Personzentrierten Ansatzes zur Gesundung von Person, Wirtschaft und
Gesellschaft". Er wolle sich à la Mark Twain in einen Zeitzeugen verwandeln und verstehe sich als
"Beobachter der Entstehung der Gesprächspsychotherapie" und "enthusiastischer Freund der Gesprächspsychotherapie". Er schilderte seine jahrelange enge Zusammenarbeit mit Ursula Plog, die ihm den Personzentrierten Ansatz nahe gebracht hatte und leitete über zu einem kleinen Abriss über die Entwicklung der Gesprächspsychotherapie in Deutschland, die er – ebenso wie der 1. Vorsitzende der GwG - als
"Symptom des 68er Aufbruchs" versteht.
Klaus Dörner berichtete, wie sich – wesentlich von ihm vorangetrieben -, die Verwahr-Psychiatrie zunehmend zum Sozialraum und zur Psychotherapie hin öffnete. Er erinnerte an die heute historisch anmutende Plattform, in der die GwG, die DGVT und die Deutsche Gesellschaft für Sozialpsychiatrie in ihrem Engagement für eine Reform der Psychiatrie und für eine Gemeindepsychiatrie zusammen gefunden hatte. Den Personzentrierten Ansatz im sozialpsychiatrischen Bereich reflektierend, ermunterte er die GwG, sich stärker der Ausbildung von Pflegenden zu widmen.
Vom Anderen her denken
Inhaltlich setzte er sich insbesondere mit der personzentrierten Grundbedingung "Verstehen" auseinander.
"In der Begegnung begegnen sich Gegner", bemerkte der 77jährige nachdenklich. Er erkenne in dieser Bedingung eine versteckte Ungleichheit, die seiner Meinung nach stets beinhalte:
"Subjekt versteht Objekt". Dies stünde im Gegensatz zu dem ihm als Ideal vorschwebenden
"wohlmeinendem Verstehen". "Dialog", so sagte er, "bleibt immer das Ideal". Er verwies in diesem Zusammenhang auf das menschliche Bedürfnis nach,
"Anerkennung durch andere" bzw. "Bedeutung für andere haben". Dies sei die Kehrseite der so oft kritisierten Selbstverwirklichung des Einzelnen, die in der Öffentlichkeit einseitig wahrgenommen werde. Der englische Begriff
"non-direktiv" treffe die von ihm bevorzugte Art des Verstehens besser, er sei weiter gefasst als das Adjektiv
"personzentriert". Er beinhalte stets auch den Aspekt, "vom Anderen her zu
denken".
Kritisch setzte sich Klaus Dörner mit der zunehmenden Zahl der psychisch kranken Menschen auseinander. Nachdenklich fragte er, wie es zu erklären sei, dass sich bei einer Vervierfachung der als psychisch krank Definierten die Zahl der Psychotherapeuten verachtfacht habe:
"Alles vermehrt sich rasant", sagte er und forderte anstelle der Psychisierung eine Art
"Philosophierung" der Gesellschaft. Hier sei ein wichtiges Arbeitsfeld für die GwG; GwG-Mitglieder sollten sich an der Gesundung der Gesellschaft beteiligen. Beispielhaft nannte er: Die Wirtschaft humanisieren, die Schulen humanisieren...
Das derzeitige System verführe dazu, so Klaus Dörner, zu glauben, Krisen könnten von Therapeuten
"weggemacht" werden. Dadurch jedoch gehe zunehmend die Eigenkompetenz des Menschen verloren. Immer mehr Menschen würden so scheinbar therapiebedürftig, auch in Zusammenhängen, in denen er als Mediziner und Soziologe eine
"zu geringe Krankhaftigkeit" attestiere. Lösungen sieht der Vertreter der Sozialpsychiatrie nur in mehr sozialräumliches Denken, weniger in Psychisierung. Die Aufforderung, sich daran zu beteiligen –, die Kompetenz des Personzentrierten Ansatzes hier einzubringen – das verstand Klaus Dörner als besonderes Geburtstagsgeschenk an die
GwG.
Professor Jürgen Kriz zur Vielfalt und zur Utilisierung des Personzentrierten Ansatzes
Prof. Dr. Jürgen Kriz
Ein gegrillter Schneeball
In seinem Vortrag "Die Vielfalt des Personzentrierten Ansatzes in Beratung und Psychotherapie und die Utilisierung durch
andere" sprach Jürgen Kriz von einer Art Mythos", wonach "alle, die von Carl Rogers sprechen, auch dasselbe
meinen." Das genau sei ein Problem. Die Nutzung des Personzentrierten Ansatzes durch andere habe dabei nicht nur negative, sondern auch positive Aspekte.
"Vielleicht", so der Psychologe, "fände es Carl Rogers sogar gut, dass sein Personzentrierter Ansatz selbstverständlich geworden
ist." Dass allerdings die Verhaltenstherapeuten alles übernehmen und vereinnahmen – Beziehung als Wirkprinzip, Verstehen, Achtsamkeit und andere personzentrierte Grundlagen – das sei fachwissenschaftlich ein unauflösbarer Widerspruch, weil der Verhaltenstherapie zu einer unverfälschten Adaption die erforderlichen theoretischen Grundlagen fehlten. Beziehung als Agens von Veränderung und Verhaltenstherapie - das sei ein Widerspruch in sich selbst wie ein
"gegrillter Schneeball".
Im Gegensatz dazu stünden die Ausdifferenzierungen des Personzentrierten Ansatzes: Focusing, emotionsfokussierte Therapie, Prozessorienterte Psychotherapie oder auch Klärungsorientierte Psychotherapie – diese seien Weiterentwicklungen, die die Substanz des Ansatzes berücksichtigten und ihn weiterentwickelten. Dazu zählten auch die störungsspezifischen Ansätze. Er verglich dies mit der Weiterentwicklung guter Theaterstücke, die zeitgemäß eben immer wieder neu inszeniert würden.
Übernehmen und gleichzeitig abwerten
Was den Wissenschaftler irritiert, ist das "Übernehmen des Ansatzes bei gleichzeitigem Abwerten des
Originals." Dies sei eine klare Negativ-Utilisierung. Dennoch: Grundsätzlich habe er keine Angst um den Personzentrierten Ansatz. Er überlegte laut, ob die aktuelle
"dritte Welle" der Verhaltenstherapie die Gesprächspsychotherapie überflüssig machen oder ersetzen könne: Der Verhaltenstherapie fehle es an theoretischen Konzepten, als dass sie das realisieren könne, was ihr in einer Stellungnahme der Bundespsychotherapeutenkammer zugeschrieben werde:
"Der Therapeut ist angehalten, möglichst echt und authentisch in die Kommunikation mit Patienten zu
kommen." Das gelte in gleicher Weise für die Zuschreibung der "therapeutischen Beziehung als Mittel zur
(Verhaltens-)Therapie".
"Was ist zu tun?", fragte Jürgen Kriz. Drei Antworten gab er darauf: Den Beratungsbereich stärken, die Anerkennung der Gesprächpsychotherapie als Kassenverfahren weiter vorantreiben, die Nicht-Richtlinien-Therapien stärken. Schließlich, so beendete Jürgen Kriz seine Ausführungen,
"dachte Carl Rogers nicht im engen Korsett der Richtlinienverfahren."
Dr. Helmut Quitmann
Wie entstand der Personzentrierte Ansatz ideengeschichtlich?
Dr. Helmut Quitmann
Einen Abriss über die Entstehungsgeschichte der humanistischer Ansätze gab Dr. Helmut Quitmann in seinem Vortrag:
"Der philosophische und ideengeschichtliche Hintergrund der Humanistischen Psychologie am Beispiel verschiedener personzentrierter Ansätze".
Er betrachtete die humanistische Psychologie historisch, leitete daraus ab, wie sie vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise, der Demokratisierung und dem New Deal in Amerika auf der Basis der Existenzphilosophie entstand. Weiterhin zeigte er auf, wie sich zunächst Psychoanalyse
("der Mensch ist vom Unbewussten gesteuert") entwickelte, parallel dazu der Behaviorismus
("der Mensch als Objekt von Lernerfahrungen") – und schließlich die Humanistische Psychologie
("der Mensch als autonomes Wesen, als Gestalter einer Welt"). Dem ersten Ansatz läge, so der Pädagoge, ein negatives Menschenbild zu Grunde, den beiden anderen ein positives. Er beleuchtete Begriffe wie Angst und Freiheit, Selbstverantwortung, Begegnung und Kommunikation, Chance und Bedrohung und stellte schließlich die zentralen Kategorien der Humanistischen Psychologie dar.
Professor Heiner Keupp
Das nachgiebige Ich ist erwünscht
Prof. Dr. Heiner Keupp
Der Sozialpsychologe Heiner Keupp zeichnete das depressive Erscheinungsbild der Postmoderne in seinem Vortrag
"Von der Gesellschaftsvergessenheit der Psychotherapie und der Notwendigkeit von
Gesellschaftsdiagnostik". Er skizzierte die krankmachenden und die Würde des Menschen verletzenden gesellschaftlichen Bedingungen und die Arbeitswelt mit ihrem Leistungsdruck und den Folgen der Arbeitslosigkeit. Der weltweite Kapitalismus - der ja heute wieder kritisiert werden dürfe, ohne gleich "verdächtig" zu sein - der sich die Menschen schaffe, die er brauche: Menschen ohne feste Bindungen, ohne feste Charaktereigenschaften. Benötigt werde ein
fragmentiertes, "nachgiebiges Ich". Die Folgen seien unübersehbar: Werteverlust, Verlust haltgebender Strukturen, zunehmende Depressionserkrankungen,
Burnout.
"Wie gehen wir damit um?" fragte Heiner Keupp. Seiner Analyse zu folge mit zunehmender
Medikalisierung. "Depression steigt überproportional – das gleiche gilt für
Antidepressiva". Er machte diese Erscheinungen an aktuellen Beispielen aus dem Leistungsport Fussball deutlich, wo kurzzeitig über die depressionsverursachenden Strukturen laut diskutiert werde, aber keine tiefgreifenden Veränderungen stattfänden.
Zurück zu den Ursachen stellte Heiner Keupp fest: Zunehmend sei die Erosion traditioneller Lebenskonzepte erkennbar, nirgendwo gebe es stabile Bezugspunkte. Er sprach von der
"flüchtigen Moderne". Diese sei gekennzeichnet durch "die endlose Suche nach dem richtigen
Lebensformen", durch die zunehmenden Bereiche, für die der Einzelne die Verantwortung trage (Urlaub selber buchen, Altersvorsorge organisieren...). Auf individueller Ebene erfahre der Einzelne
"das erschöpfte Selbst" als individuelles Versagen.
Der Einzelne dürfe aber für persönliches Scheitern nicht verantwortlich gemacht werden; das Scheitern sei Folge der dargestellten gesellschaftlichen Situation.
"Das müsste ein gesellschaftliches, ein politisches Thema werden". Aber: "Heute fehlen wirkliche Utopien, es gibt keinen Spirit, keine übergreifenden Ideen. Wir haben eine tiefe Gesellschaftskrise, eine erschöpfte
Gesellschaft." Was empfiehlt der Wissenschaftler? Zum Beispiel Achtsamkeit – ein wesentlicher Aspekt des Personzentrierten Ansatzes.
Grußworte
Zu Beginn der Veranstaltung gab es zahlreiche, ermutigende Grußworte. Im Einzelnen von Dr. Julia Kuschnereit (Ministerium für Arbeit,
Soziales, Gesundheit, Familie und Frauen – Rheinland-Pfalz), Dr. Ernst Dietrich Munz (Vizepräsident der Bundespsychotherapeutenkammer), Ulrich Gerth (Vorstand DGfB und Vorsitzender der bke), Prof. Dr. Ludwig Teusch (1. Vorsitzender der ÄGG), Anita Holzer (pca.acp / Schweiz), Norbert Bowe (Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten / bvvp), Prof. Dr. Bernhard Lemaire (1. Vorsitzender der DGSv), Prof. Jochen Eckert (Präsident der Deutschen Psychologischen Gesellschaft für Gesprächspsychotherapie/DPGG) und Lore Korbei (ÖGWG; Österreich).
In allen Grußworten wurde aufgegriffen, dass der Gesprächspsychotherapie - wie einer der Redner es treffend formulierte - in einem "unwürdigen
Schauspiel" die Anerkennung versagt worden sei und den Patienten die Versorgung mit Gesprächspsychotherapie verweigert werde.
Ehrungen
Vier GwG-Mitglieder wurden im Rahmen der Veranstaltung mit Ansprachen, Blumen und Wein unter großem Beifall der Anwesenden geehrt:
Helga Kühn-Mengel
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Helga Kühn Mengel, für ihre über 10-jährige Amtszeit als 1. Vorsitzende der GwG |
Inge Frohburg
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Inge
Frohburg für ihre Mitgliedschaft im Wissenschaftlichen Beirat der GwG, für ihre jahrzehntelange wissenschaftliche Forschung und ihre zahlreichen Publikationen |
Dagmar Gösche
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Dagmar Gösche für ihre Tätigkeit im GwG-Vorstand, in verschiedenen Gremien, als Ausbilderin und Regionenvertreterin und für ihre Mitwirkung am Studiengang Master of Councelling an der FernUni Hagen |
Prof. Gert Walter Speierer
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Prof. Gert Walter Speierer für seine langjährige Tätigkeit im Wissenschaftlichen Beirat der GwG, für die Konzeption und Leitung des 40-jährigen Jubiläums sowie für seine maßgebliche Mitarbeit an der Gestaltung und Durchführung der GwG-Weiterbildung
"Sozialtherapie" |
Michael Halhuber-Ahlmann überreichte den Geehrten neben einem Blumenstrauß eine Flasche Wein mit besonderem Etikett:
"Personzentrierte Wachstumstropfen. 40 Jahre GwG – zur Anerkennung der besonderen Verdienste um den Personzentrierten Ansatz und die
GwG".
Verbandspolitisches Forum
Am Ende der fachlichen Vorträge und Workshops tauschten sich die GwG-Mitglieder über Neuigkeiten aus dem Verband aus.
So berichtete u. a. Reinhold Schmitz-Schretzmair für den Ausschuss Beratung über neue Curricula und die Modularisierung der Weiterbildung Personzentrierte Beratung. Diskutiert und angeregt wurde, frühzeitig mit der empirischen Evaluation dieser wegweisenden Weiterbildung zu beginnen.
Reinhold Schmitz-Schretzmair, Else Döring, Michael Barg
Rainhard Scheuermann regte an, die Kriterien der Bildungsschecks zu publizieren, die vielen Arbeitnehmern die Möglichkeit böten, an Fortbildungen teilzunehmen.
Der Bundesgeschäftsführer Karl-Otto Hentze informierte zum Stand der Verfassungsbeschwerden. Es sei nicht absehbar, ob diese angenommen oder abgelehnt würden. Die Statistik weise aus, dass nur vier Prozent der Verfassungsbeschwerden vom Bundesverfassungsgericht angenommen werden.
Gleichzeitig machte er deutlich, dass das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht sei. Die Länder seien in der Pflicht, dass Ausbildungen in Psychotherapieverfahren, die von den Ländern zur vertieften Ausbildung zugelassen seien, auch durchgeführt werden könnten und die nach staatlichen Vorgaben qualifizierten Psychotherapeuten den Versicherten dann auch zur Verfügung stünden.
Dirk Fiedler erläuterte den Stellenwert der GwG-Weiterbildung Sozialtherapie und verdeutlichte diesen noch einmal. Er betonte, wie wichtig diese Weiterbildung für die therapeutische Arbeit im stationären und ambulanten Bereich ist.
Dirk Fiedler
Einrichtungen der ambulanten und der stationären Suchtrehabilitation müssen im psychotherapeutischen Bereich Mitarbeiter/innen einsetzen, die eine entsprechende Qualifikation erworben haben, nur dann können diese ihre Reha-Leistungen bei den Kostenträgern auch abrechnen. Die Sozialtherapie-Weiterbildung erfüllt somit im Suchtbereich die gleichen Voraussetzungen wie eine psychotherapeutische Ausbildung nach den Richtlinienverfahren. Dirk Fiedler ruft die GwG-Mitglieder dazu auf, bei Kontakten zu Kursteilnehmenden, Hochschulen oder Institutionen auf den Weiterbildungsgang hinzuweisen, da auf diese Weise die stärkere Verbreitung dieses Angebots gewährleistet werden könnte. Vielen GwG-Mitgliedern sei bisher nicht bewusst, welche Bedeutung diese Weiterbildung habe.
Am Rande der Veranstaltungen trafen sich zahlreiche Lizenznehmer der Personzentrierten Elternschule, tauschten ihre Erfahrungen aus und gaben Anregungen, wie die Elternschule zu bewerben sei. Das Thema Marketing und Bewerbung war auch in der Aussprache der Mitglieder ein viel diskutiertes Thema.
Im Rahmen der Fortbildungstage hatten auch die Regionen die Möglichkeit, über ihre Arbeit an Infotischen zu informieren. Die einzelnen Tische ließen die regionalen Aspekte der Arbeit deutlich werden.
Am Ende der Veranstaltung stellte Michael Halhuber-Ahlmann die Mitarbeiter der GwG-Geschäftsstelle vor und dankte allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern persönlich für ihr nachhaltiges Engagement für die GwG. Ergänzend teilte er mit, dass Herr Michael Barg vom Vorstand zum stellvertretenden Bundesgeschäftsführer bestellt worden sei.
Schließlich hatte der zukünftige Bundesgeschäftsführer Torsten Ableiter, der seine Tätigkeit am 1. Juli 2010 aufnehmen wird, Gelegenheit, sich den Anwesenden persönlich vorzustellen.
Fest
Wie schon in den vergangenen Jahren feierten die GwG-ler in der "Alten
Patrone" in Mainz ein wunderbares Wiedersehensfest: Es gab – nach dem anstrengenden Fachprogramm - endlich Zeit für Gespräche, Tanz, köstlichen Wein und hervorragendes Essen. Die GwG freut sich auf ein Wiedersehen im nächsten Jahr.
Die GwG feiert
Verfolgen Sie die Veranstaltung auf DVDs
Alle im Text erwähnten Vorträge können Sie als DVDs bei der GwG bestellen. Ebenso DVDs von folgenden Workshops:
- Jobst Finke: "Ein Märchen aus alten Zeiten, das kommt mir nicht aus dem Sinn" - Gesprächspsychotherapeutisches Arbeiten mit Märchen
- Dr. Cornelia Seewald: Der Personzentrierte Ansatz in der Führungskräfte-Entwicklung
- Jochen Eckert: Die Behandlung von Patienten mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung im Rahmen des Klientenzentrierten Konzepts
- Silke Gahleitner: Personzentrierte Beziehungsarbeit mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen
- Renate Motschnig, S. Kabicher: Zum Einsatz von Lerntechnologie: Kann der Einsatz von web-basierten Tools helfen, personzentrierte Haltungen zu entwickeln?
Preise und Hinweise zur Bestellung finden Sie zeitnah auf der
GwG-Verlagsseite
Ursula Reinsch
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