Gesellschaft für Personzentrierte Psychotherapie und Beratung e.V.

Farbe bekennen.

05. April 2019 / Meike Braun

Inwieweit ist das „wahre Selbst“ im realen Leben kongruent mit dem Sein in virtuellen Welten – also zum Beispiel in sozialen Medien, in SMS, Whatsapp-Nachrichten und E-Mails? Was gibt uns Social Media persönlich? Wie verändert es uns? Wie verändert es die Kommunikation und unsere Kultur des Miteinanders? Diese Fragen treiben auch die Wissenschaft längst um. In Rahmen seiner Promotion am Lehrstuhl für Sozialpsychologie untersucht beispielsweise ein Student,warum Menschen Beiträge in politischen Online-Diskussionen in bestimmten Formaten verfassen und welche Ziele sie generell verfolgen, wenn sie in solchen Diskussionen kommentieren, unabhängig von der politischen Einstellung selbst. 

In Gesprächen mit GwGlern/innen, aber auch im erweiterten beruflichen wie privaten Umfeld fällt mir auf, dass auch hier Fragen nach Ausmaß, Sinn, Wert und Motivation gestellt werden, innerhalb der sozialen Medien präsent zu sein. Dabei spielen entweder der ganz individuelle Nutzen im Sinne der eigenen Persönlichkeitsentfaltung oder der Wunsch nach dem Einfluss auf die Gesellschaft eine Rolle. Die jeweiligen Beweggründe und Erfahrungen sind genauso unterschiedlich wie zum Beispiel die demografischen Merkmale.

Als PZAler/innen gehen wir davon aus, dass unser Verhalten durch unser Umfeld beeinflusst wird. Wie wir empfinden und wie wir uns verhalten, hängt davon ab, wie unser Bedürfnis nach Wertschätzung durch das „Du“ beschaffen ist. Aber auch die Kommunikationskompetenz von Sender und Empfänger spielt eine große Rolle. Wie ehrlich drücke ich mich in sozialen Medien aus? Wie stimmig ist das, was ich von mir gebe, mit dem, was ich in Wahrheit empfinde? Die Antwort sagt etwas aus über meine Intentionen und meinen Umgang mit (Nicht-)Reaktionen im Netz. 

Jedes Sein in virtuellen Welten wie Facebook, Twitter oder Instagram ist erst einmal einseitig: Ich poste etwas und kann nur fantasieren, wer es liest und auf welche Weise die- oder derjenige beim Lesen und im Nachklang wohl reagieren wird. Wir können durchaus beeinflussen, wie das, was wir posten, ankommt. Wir haben sowohl Wortwahl und Satzbau als auch Interpunktion, Semantik, Emojis und Emoticons zur Verfügung, um eine bestimmte Tonalität in unsere Beiträge zu bringen. Wenn es zu sichtbaren Reaktionen kommt, können diese unter anderem bejahend, bestätigend, abwertend, kritisch, fragend, mitfühlend oder beleidigend sein. Es ist ein Lernfeld.

Zu Beginn steht ein Anlass, überhaupt etwas schreiben zu wollen. Dabei geht es meist um Beziehung, um Teilhabe und um das, was unsere personzentrierte Persönlichkeitstheorie und unser Menschenbild besagen. Im realen Leben wie auch auf virtuellen Schauplätzen wirkt die Aktualisierungstendenz, die unter guten Bedingungen dazu führt, dass wir immer konkreter, echter, direkter und klarer in unseren Mitteilungen werden. Dies führt mich zu der Frage, warum und inwieweit wir neben der Darstellung von „uns selbst“ auch Stellung zu einzelnen Menschen, deren Artikeln, Beiträgen oder gesellschaftlichen Themen im Allgemeinen beziehen. 

Kürzlich ging folgender Satz bei Facebook und Twitter viral: „Nazis raus!“   Die taz schrieb dazu in einem Artikel: „Die ZDF-Korrespondentin Nicole Diekmann twittert am 1. Januar 2019 zwei Wörter: „Nazis raus“. Gefragt, wer für sie denn Nazis seien, antwortet sie: „Jede/r, der/die nicht die Grünen wählt.“ Daraufhin möchten viele die Ironie nicht erkennen, ein tagelanger Shitstorm beginnt, mit Todes- und Vergewaltigungswünschen gegen die Journalistin. Am Montag solidarisieren sich Journalisten, andere Twitter-Nutzer und ganze Medienhäuser mit Diekmann, indem sie selbst „Nazis raus“ twittern. Die Solidaritätsaktion befeuert wiederum neue Kritik durch Rechte und Internet-Trolle – richtig ist sie trotzdem. Ja, die neuen Anfeindungen zeigen sogar, dass die Aktion nötig ist. Rechte sind in den vergangenen Jahren selbstbewusster geworden. Das hat viele Gründe, unter anderem unsere Diskussionskultur. Wir haben mit ihnen geredet, statt uns gegen sie zu positionieren.“***

Ich selbst hätte das „Nazis raus!“ am liebsten auf der Facebook-Seite der GwG geteilt. Um Farbe zu bekennen. Ich habe es nicht getan. Weil ich nicht für mich, sondern im Namen der GwG-Community agiere. Aber was ist „der kollektive Wille“, also die Haltung aller Mitglieder? Lässt sich der überhaupt erfassen? Müssen sich immer alle bei allem hundertprozentig einig sein? Soll „die“ GwG politisch und gesellschaftlich Stellung beziehen, wo ein direkter Bezug zum PZA ohne eine entsprechende Ausführung nicht unmissverständlich erkennbar ist? 

Meines Erachtens ist es ein fantastisches, großartiges Gut, dass wir ein Gegenüber wahrnehmen, uneingeschränkt sein lassen und in all seiner Individualität anerkennen wollen. Es sind DIE zu bewahrenden Güter innerhalb der GwG-Community. Dass wir a) uns so gut es geht unverblümt mit dem zeigen, was wir denken und fühlen, b) selbst wiederum gesehen und anerkannt werden und c) uns selbst und die/den andere/n sein lassen und d) uns nicht aufdrängen. Unser humanistisches Konzept hat soziale, politische und gesellschaftliche Relevanz, wie schon Rogers in seinen Aktivitäten und Schriften bewiesen hat. Ich denke da zum Beispiel an seine Überlegungen in seinem Buch „Der neue Mensch“.  

Wie kann es gelingen in der uns umgebenden virtuellen Welt, uns und andere „sein zu lassen“ und gleichzeitig „Stellung zu beziehen“ …? 

 

 

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*** Artikel der taz „Ungenaue Solidarität“, abgerufen am  9. Januar 2019 unter http://www.taz.de/!5561024/