Gesellschaft für Personzentrierte Psychotherapie und Beratung e.V.

Individualität und Statistik

07. Juni 2014 / Jürgen Kriz

Kürzlich hatte ich Gelegenheit, einem Vortrag von Gottfried Schatz zu lauschen. Schatz ist emeritierter Biochemie-Professor der Universität Basel und war führend an der Aufklärung der Bildung von Mitochondrien und deren DNS beteiligt. Bei der mitochondrialen DNS geht es – das mag in diesem Kontext genügen – um spezifische, für die Weitergabe und Veränderungen von Genen bedeutsame Molekülketten. Erkenntnisse, die unser Verständnis von „Vererbung“ in den letzten Jahrzehnten entscheidend beeinflusst haben.

In dem Vortrag mit dem Titel „Warum wir nicht Sklaven unserer Gene sind“ , ging es u. a. um die für Therapeuten interessanten Aspekte der Epigenetik: „Klassische“ genetische Mutationen beruhen auf einer zufälligen Veränderung in der Reihenfolge der Bausteine der berühmten „Doppelhelix“, die ja Träger der Gene und damit der Erbinformation ist. Solche Mutationen sind recht selten und zudem meist so schädlich, dass die entstehende neue Zelle gar nicht überleben kann. Nur ganz wenige Mutationen erwiesen sich als „erfolgreich“, was allerdings im Laufe von Jahrmillionen zur Vielfalt der Lebensformen führte, wenn diese genetische Mutation in einer Keimzelle stattfand. Denn diese wurde und wird an die Nachkommen weitergegeben.

Bei der Epigenese hingegen wird nicht die Reihenfolge der Bausteine, sondern deren chemischer Charakter (in Form winziger Molekülketten) verändert. Dies kann sowohl zufällig als auch in Reaktion auf Umwelteinflüsse geschehen. Die DNS wird quasi „markiert“, indem bestimmte Proteine dafür sorgen, dass die Gene an dieser Stelle in ihrer Aktivität gehemmt oder ganz ausgeschaltet werden. Und solche Markierungen werden ggf. genauso an Nachkommen wie bei der klassischen Mutation weitergegeben. Genetische Programme können somit durch die Umwelt und unsere Lebensweise in ihrer Auswirkung auf unsere Lebensprozesse – einschließlich z. B. Denk- und Verhaltens-prozesse – verändert werden. Diese Erkenntnis ist sicherlich bedeutsam für Verständnis über gelingende und weniger gelingende Entwicklungsprozesse, über vererbte Vulnerabilität aber auch hinsichtlich therapeutischer Veränderungsmöglichkeiten (und -grenzen!).

Mindestens ebenso bedeutsam aber ist ein anderer, wenngleich damit zusammenhängender, Aspekt: dass nämlich selbst schon eine biochemische Sicht die Einmaligkeit jedes einzelnen Menschen belegt. Aufgrund der skizzierten Zufallsschwankungen in den chemischen Prozessen wichtiger Steuermoleküle sind selbst eineiige Zwillinge nicht gleich und werden sich zudem im Lauf des Lebens zunehmend unähnlicher. Man kann, erläuterte Schatz, kleine Würmer so aufzüchten, dass sie genetisch völlig identisch sind. Doch auch in demselben Inkubator, also unter denselben Bedingungen der Aufzucht, entwickeln sich diese Würmer recht unterschiedlich – z. B. hinsichtlich ihrer Lebensdauer, Anfälligkeit für Gifte usw. Dies ist keineswegs trivial. Denn die Vielfalt der Prozesse in Zellen – und gar in ganzen Organismen – gleicht üblicherweise Schwankungen aus: So hängt bei der Entwicklung der Netzhaut die Frage, ob ein bestimmtes Zäpfchen rot- oder grün-empfindlich wird, rein von Zufall ab. Wegen der großen Zahl allerdings ist deren Verteilung ziemlich genau 50:50. Wenn nun aber bestimmte Steuermoleküle nur sehr selten pro Zelle vorkommen, so ist deren chemische Reaktion nicht mehr mit den klassischen Gesetzen der Chemie adäquat zu beschreiben – die ja immer massenstatistische sind. Schatz erläuterte dies an einer Fliegenpopulation in einem Behälter, in den ein Gas eingeleitet wird, das mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 % die Fliegen tötet. Sind viele Millionen Fliegen im Behälter, kann man recht sicher davon ausgehen, dass bei diesem Vorgehen 50 % getötet werden. Sind allerdings nur zwei oder drei Fliegen darin, so kann man gar keine Vorhersagen machen.

Ach, würden diese Grundkenntnisse der Statistik doch bis zu den Psychotherapie-„Bewertern“ durchdringen, welche die Aussagekraft von RCT-Studien und von „Evidenzbasierung“ (EbM) für die Praxis so missdeuten. Denn selbst unter der idealisierten und extremen Annahme, dass sauber statistisch nachgewiesen wäre, „Depressive“ würden durch Methode A zu 70 % geheilt und mit Methode B nur zu 50 %: Was genau sagt mir das für den Patienten, der gerade vor mir sitzt? Gehört er zu jenen 30 %, die weder mit A noch mit B geheilt werden? Gehört er zu jenen 50 %, die sowohl mit A als auch mit B geheilt werden? Oder gehört er zu jenen 20 %, bei denen A oder B einen Unterschied machen würde (immer eine homogene „Depressiven“-Population vorausgesetzt)? Es war nie die Idee von EbM, für den Einzelfall sichere Aussagen ableiten zu können, sondern gut fundierte Entscheidungshilfen zu haben. Und wenn man sonst nichts weiter weiß, würde man tatsächlich A empfehlen. Aber es wäre fatal, B zu verbieten. Denn „gar nichts weiter wissen“ ist eher untypisch, und es kann daher viele gute Gründe geben, dass im vorliegenden konkreten Einzelfall B wirkt und A nicht.

Es sind eben nicht nur genetisch identische Würmer keineswegs gleich, sondern auch kaum alle „Depressiven“. Würde man Gleichheit unterstellen, wäre es unsinnig, in RCT-Studien jedes Mal eine Kontrollgruppe zu fordern. So wie kein Physiker auf die Idee käme, bei der Prüfung der Verminderung der Fallgeschwindigkeit in unterschiedlichen Medien jedes Mal eine Kontrollgruppe „freier Fall in luftleeren Röhren“ zu untersuchen: Das Ergebnis ist nämlich bekannt. Ergo würde es auch ausreichen, statt zwischen hunderter Kontrollgruppen unter „Nicht-Behandlung“, ein einziges Mal Daten an einer Kontrollgruppe sauber zu erheben. Dass man das nicht tut, zeigt, dass offensichtlich die Individualität auch der zahlreichen „Depressiven“ nicht zu leugnen ist. Doch auf wen beziehen sich dann die Ergebnisse der RCT-Studien?