Gesellschaft für Personzentrierte Psychotherapie und Beratung e.V.

Personzentrierte Familientherapie

Personzentrierte Familientherapie – was ist das überhaupt? 
In der personzentrierten Familientherapie entwickeln Familienmitglieder ein Verständnis unter- und füreinander. Dies geschieht unter den vom Therapeuten gewährleisteten Konditionen, den Grundhaltungen des Personzentrierten Ansatzes: bedingungslose Wertschätzung Empathie und Kongruenz. Die personzentrierten Modelle von Selbstkonzept, Aktualisierungstendenz und Inkongruenz werden hier auf die einzelnen Familienmitglieder, aber auch auf die Familie als Ganzheit angewendet. In der Therapie kommt der Beachtung von Emotionen und ihrer Wirkung auf die jeweils anderen Familienmitglieder besondere Bedeutung zu. 

Wie geht ein Personzentrierter Familientherapeut in der Arbeit mit Klienten in der Regel vor?
Am Anfang steht die Auftragsklärung: Hier geht es darum, wie motiviert jedes Familienmitglied ist und welche Erwartungen es an den Prozess und an die anderen hat. Eine zentrale Frage kann zum Beispiel sein: „Was möchtest du, was ein anderes Familienmitglied von dir versteht?“ In den ersten Sitzungen sollte auch festgelegt werden, mit wem in der Familie gearbeitet wird und wie das Setting sein soll. So kann es je nach Entwicklungsstand oder Bedürfnissen der einzelnen Familienmitglieder gemeinsame oder auch Einzelgespräche geben.

Welche Themen / Problemfelder kommen in der personzentrierten Familientherapie besonders häufig vor?
Familientherapien werden in unterschiedlichen Kontexten angeboten. Daher variieren auch die Anliegen der Klienten. In der öffentlichen Jugendhilfe (inkl. Familienberatungsstellen und aufsuchender Familienhilfe) spielen etwa die Erwartungen des sozialen Umfeldes (Schule, Kita, Allgemeiner Sozialer Dienst) eine Rolle. Hier geht es häufig um soziale Auffälligkeiten bei Kindern wie Aggressivität und externalisierendes (also von außen beobachtbares) Verhalten. In freien Praxen herrschen zudem oft sehr zurückgezogenes Verhalten, Schulverweigerung aber auch psychosomatische Störungen vor. Seitens der Eltern sind häufig psychosoziale Belastungen und Anpassungssituationen, die die ganze Familie betreffen, Anlass zu einer personzentrierten Familientherapie.

Vor welchen Herausforderungen stehen Personzentrierte Familientherapeuten in ihrer Arbeit?Bei der Arbeit mit Familien ist der Therapeut mit der Dynamik einer Familie konfrontiert. Daraus entsteht oft eine höhere Komplexität, als es etwa in der Einzelberatung oder -therapie der Fall ist. So sollte der Therapeut einerseits die Bedürfnisse jedes Familienmitgliedes erkennen, gleichzeitig aber auch vorhandene, meist dysfunktionale Interaktions- und Kommunikationsmuster oder emotionale Schemata verstehen, um diese der Familie transparent zu machen – dies immer mit dem Ziel, dass sich die Familie besser verstehen lernt und mehr Empathie füreinander empfinden kann. Personzentrierte Familientherapeuten brauchen eine besonders stark strukturierende Haltung, müssen dabei auch Wächter über Gesprächsregeln sein und für ein Gleichgewicht unter den Familienmitgliedern sorgen.

Welche persönlichen Voraussetzungen müssen Personzentrierte Familientherapeuten mitbringen?
Fähigkeiten wie Allparteilichkeit und ein Verständnis von Kommunikations- und Interaktionsmustern sind sehr wichtig. Zudem sollten sie in der Lage sein, ein Setting herzustellen, das alle Beteiligten als „sicheren Hafen“ erleben. Und sie sollten jeweils zu Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen eine passende Beziehung aufbauen können. Der differenzierte Blick zwischen den individuellen Familienkonzepten und dem sich gemeinsam entwickelnden Familienkonzept stellt eine weitere Herausforderung dar. 

In welchem Bereich arbeiten Personzentrierte Familientherapeuten?
Sie sind zum Beispiel in Familien- und Erziehungsberatungsstellen oder in freien Praxen tätig. Ebenso wird Familientherapie im Bereich der Jugendhilfe, also im „aufsuchenden Kontext“, durchgeführt. In einem eher geringen Umfang erfolgt personzentrierte Familientherapie auch in der Kinder-  und Jugendlichenpsychiatrie und in kinderneurologischen Zentren. Sie ist kein Richtlinienverfahren, und daher nicht über Krankenkassen abzurechnen. 

Literaturtipps:
Hollick, Lieb, Renger und Ziebertz: Personzentrierte Familientherapie und – beratung. (erscheint Ende 2018).
Weinberger, S. & Papastefanou, C. (2008): Wege durch das Labyrinth. Personzentrierte Beratung und Psychotherapie mit Jugendlichen. Weinheim Beltz Juventa.
O’Leary, C. (2014): Paar- und Familientherapie In: Stumm, G. und ‚Keil, W.W.: Praxis der Personzentrierten Psychotherapie Springer Wien.
Gaylin, N. (2002): Der Personzentrierte Ansatz in der Familientherapie. In: Keil, W./ Stumm, G. (Hrsg.): Die vielen Gesichter der personzentrierten Psychotherapie. Wien Springer (319333).
Kemper, F. (1997). Personzentrierte Familienspieltherapie am Beispiel einer Familie mit einem zähneknirschenden Knaben. In: Boeck-Singelmann et al. (Hrsg.): Personzentrierte Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen. 2. Bd. Hogrefe Verlag: Göttingen