Gesellschaft für Personzentrierte Psychotherapie und Beratung e.V.

Personzentrierte Psychotherapie mit Erwachsenen

Personzentrierte Psychotherapie mit Erwachsenen – was ist das überhaupt?
Personzentrierte Psychotherapie richtet sich an Personen in Lebenskrisen, die sich oft zum Beispiel in Angststörungen, depressiven, psychosomatischen, Ess- oder Abhängigkeitsstörungen ausdrücken. Die Symptome werden dabei als Fehlverarbeitung von divergierenden Gefühlen, Bedürfnissen und Ansprüchen gesehen. In der Therapie sollen die Klienten angeregt werden, sich mit ihren Symptomen, aber auch mit scheinbar davon unabhängigen Befürchtungen, Erwartungen und Enttäuschungen auseinanderzusetzen. Selbstachtung und Selbstwerterleben werden gefördert und widersprüchliche Gefühle, Intentionen und Wünsche geklärt. Dies schafft die Voraussetzungen zur Behebung der Störung, aber auch zu mehr Selbstvertrauen und Selbstentwicklung der Klienten.

Wie geht ein Personzentrierter Psychotherapeut in der Arbeit mit Erwachsenen vor?
Nach der Verständigung über die Therapieziele erläutert der Therapeut dem Klienten, wie er ihm bei der Selbsterkundung helfen will.  Er spiegelt den emotionalen Gehalt der Äußerungen des Klienten und unterstützt ihn so darin, seine oft komplexen Gefühle zu identifizieren und zu differenzieren. In einem weiteren Schritt  lotet der Therapeut die Bedeutungen eines Gefühls-Begriffes, zum Beispiel „Ärger“, aus, indem er die Äußerungen des Klienten paraphrasiert. Auf diese Weise wird ein Zusammenhang mit anderen Gefühlen oder Bedürfnissen deutlich. Als nächstes geht es darum, die Gründe für diesen Erlebenszusammenhang zu verstehen. Diese können zum Beispiel darin bestehen, dass es in der Vergangenheit entmutigende Beziehungserfahrungen mit einer früheren Bindungsperson gab. 

Welche Themen oder Problemfelder kommen in der Personzentrierten Therapie mit Erwachsenen besonders häufig vor?
Neben Angststörungen, depressiven, psychosomatischen, Ess- oder Abhängigkeitsstörungen handelt es sich häufig um Ehe- und Partnerschaftskonflikte, Trauerreaktionen nach Trennung, Vereinsamung, frustrierende berufliche Situationen oder scheiternde Karriereziele oder um das Scheitern von Lebensentwürfen insgesamt.

Vor welchen Herausforderungen stehen Personzentrierte Psychotherapeuten in ihrer Arbeit mit Erwachsenen?
Nach Rogers, dem Begründer der Personzentrierten Therapie, soll der Therapeut dem Klienten ein Alter Ego, eine Art einfühlsamer Doppelgänger, sein. Das bedeutet, dass sich der Therapeut mit seinem Meinen und spontanen Urteilen sehr zurücknehmen muss. Das erfordert eine hohe, von Empathie geleitete Konzentration und Achtsamkeit, damit der Gehalt der Aussagen des Klienten so erfasst und zurückgespiegelt werden kann, dass für den Klienten ein intensiver Impuls zur Selbsterkundung entsteht.

Welche persönlichen Voraussetzungen muss ein Personzentrierter Psychotherapeut mitbringen?
Der Therapeut darf seine Zuwendung, Anerkennung und „positive Beachtung“ des Klienten nicht an Bedingungen knüpfen. Um dies zu gewährleisten, muss er wachsam gegenüber sich selbst sein. Und er muss kongruent sein – das heißt, dass er sich um Selbstdurchsichtigkeit und Selbstübereinstimmung bemühen sollte. Schließlich muss er eine hohe Fähigkeit zur Einfühlung haben. 

Ein Fallbeispiel aus der personzentrierten Psychotherpie:
Eine junge Studentin erleidet eine erste Panikattacke mit Herzrasen, Schweißausbruch und Schwindel in einem Tapetengeschäft, das sie im Rahmen ihrer Renovierungsarbeiten an einer neu angemieteten Wohnung aufgesucht hatte. Zu dieser Zeit wohnt sie noch im Elternhaus in der Obhut ihrer überfürsorglichen Mutter. Da in den folgenden Wochen die Panikattacken immer häufiger auftreten, verlässt sie die Wohnung nur noch in Begleitung ihrer Mutter, kündigt die Wohnung und bricht ihr Studium ab. In der Therapie entspricht die Therapeutin zunächst geduldig und einfühlsam dem Bedürfnis der Klientin, sich mit den körperlichen Aspekten ihres Syndroms und ihren Befürchtungen, dabei einen „Herzschlag“ zu bekommen, zu beschäftigen. Dann beginnt sie, behutsam die Beziehung der Klientin zu ihrer Mutter zu thematisieren. Dabei kann die Klientin die Ambivalenz ihrer Mutter gegenüber zunächst nur sehr indirekt, dann aber immer weniger schambesetzt verbalisieren: Einerseits sucht sie die Geborgenheit in der mütterlichen Obhut, anderseits ärgert sie sich über die Einengung und Behinderung ihrer Selbstständigkeit, die sie dabei erfährt. Diese Ambivalenz findet ihr Gegenstück in dem abgebrochenen Projekt „Selbstständigkeit in einer eigenen Wohnung“. Als sie diese Aspekte zunehmend unbefangener und unverzerrter symbolisieren kann, nehmen die Panikattacken soweit ab, dass sie ihr Studium wieder aufnehmen kann. 

In welchem Bereich arbeiten Personzentrierte Psychotherapeuten?
Sie arbeiten zum Beispiel in Erziehungs-, Partnerschafts- und Sucht-Beratungsstellen, aber auch in Kliniken und Rehabilitationseinrichtungen oder in eigener Praxis.

Literaturtipps:
Rogers, C.R. (1977). Therapeut und Klient. Frankfurt: Fischer.
Swildens, H. (2016). Personzentrierte Beratung und Psychotherapie in der Praxis. Köln: GwG-Verlag.
Finke, J. (2004). Gesprächspsychotherapie. Stuttgart: Thieme.
Stumm, G. & Keil, W. (Hg., 2014). Praxis der Personzentrierten Psychotherapie. Wien: Springer.
Behr, M., Hüsson, D., Luderer, H.-J. & Vahrenkamp, S. (2017). Gespräche hilfreich führen – Bd. 1: Praxis der Beratung und Gesprächspsychotherapie. Weinheim-Basel: Beltz-Juventa.