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Was haben Klimawandel und Lobbyistentum mit mechanistischem Denken zu tun? 

Was haben Klimawandel und Lobbyistentum mit mechanistischem Denken zu tun?  Oder „Computerdenken“ mit Verhaltenstherapie? Hängt das irgendwie zusammen? 

Was haben Klimawandel und Lobbyistentum mit mechanistischem Denken zu tun?  Oder „Computerdenken“ mit Verhaltenstherapie? Hängt das irgendwie zusammen? 

Da alles durch die Psyche des Subjektes geht (Jürgen Kriz), fange ich ganz subjektiv in diesem Text mit dem lauten Nachdenken über diese Fragen an. Betrachte ich zum Beispiel meine Entwicklung, die ich in der Ausbildung als Supervisorin zuletzt machen durfte, bin ich aktuell an einem Punkt, an dem mich unausweichlich die Frage beschäftigt, wohin sich die Gesellschaft entwickelt. Hierzulande und auch global – als menschliche Gesellschaft in all ihren Bereichen.  Denn ich kann es nicht ausblenden. In der Supervision spielen Umwelten eine besondere Rolle, sowohl für die Supervisanden, wie für Auftraggeber oder Supervisor*innen. In der Personzentrierten Supervision bin ich dazu auch noch per Definitionem eine politische Person. Meine beruflichen Aktivitäten  kann ich also gar nicht (mehr) losgelöst von gesellschaftlichen Entwicklungen betrachten. Im Gegenteil, gerade in der Supervision begegne ich oft Menschen, die sich fast durchweg auch um diese Welt „sorgen“, die sie als ihre Umwelt immer globaler werdend wahrnehmen. Neben ihren eigenen beruflichen oder privaten Themen. Das hat einen wachsenden Einfluss auf ihr Lebensgefühl. 

Im Verbandsblog habe ich zuletzt den Artikel von Petra Claas gelesen. Sie hat diesen Artikel für das Psychotherapeutenjournal aufbereitet, der dann nach internen Diskussionen doch nicht abgedruckt werden durfte. Sie spricht dort von einem „Klimawandel“ in der psychotherapeutischen Versorgung, weil die Verhaltenstherapie weiter zunehmend dominant in allen Bereichen wird und andere Verfahren vom Versorgungsfeld durch Psychotherapie verschwinden. Lobbyistentum, heißt es bei ihr und anderswo. In einem anderen Artikel zum Beispiel von Cord Benecke (Professor an der  Uni Kassel)  zur „Zukunft der Psychotherapieverfahren im neuen Psychotherapiestudium“  ist von einer Monokultur  der Verhaltenstherapie die Rede, die alles Hilfreiche aus anderen Verfahren unter eigener Überschrift subsumiere! 

„Alle lernen KVT (kognitive VT) und können das dann noch, je nach Gusto, mit dieser oder jener Komponente aus anderen Verfahren anreichern, sofern es dafür empirische Evidenz gibt. Da es die anderen Verfahren dann bald nicht mehr geben wird, werden deren Ansätze dann wohl wieder neu erfunden werden müssen.“

Das gilt ganz besonders und akut für die Gesprächspsychotherapie, den klientenzentrierten oder personzentrierten Ansatz, mit primär beziehungsorientierter Ausrichtung. Der Wissenschafliche Beirat Psychotherapie / WBP hat dennoch kürzlich erst der Gesprächspsychotherapie ihre jahrzehntelange gültige Wissenschaftlichkeit abgesprochen. In den wichtigsten Gremien zur Entscheidung bezüglich Kassenzulassung oder Kostenerstattungsverfahren, dem WBP und dem GBA (Gemeinsamer Bundesausschuss), sitzen inzwischen fast nur noch Verhaltenstherapeut*innen. 

In der universitären Lehre gibt es auch fast nur noch verhaltenstherapeutische Angebote, die eine existenzsichernde Beruflichkeit erhoffen lassen. Verhaltenstherapie ist und bleibt aber vor allem methodenbasiert und lerntheoretisch ausgerichtet. Beziehung kommt auch vor, ja, die Subsumierungswelle findet kein Ende, jedoch und allerdings: Beziehung als Methode der Intervention. 

Das aber kann nur funktionieren, wenn der Therapeut aufgrund seiner Persönlichkeit und seiner einfühlenden Fähigkeiten sowieso schon eine „Beziehung“ zum Klienten hat – ohne dass er es vielleicht bereits im Bewusstsein abbildet. Dann – und nur dann – ist es möglicherweise nicht mehr wichtig, welches Verfahren genau er anwendet, denn aufgrund der gelingenden Beziehung wird er hilfreich sein können. Beziehung als therapeutische Grundhaltung zu lernen, wenn man kein solches Naturtalent ist, dazu gehört unabdingbar eine humanistische Grundhaltung als Voraussetzung a priori. Wo findet sich aber nun noch, wie das dann genau geht? In der Klientenzentrierten Therapie und Therapietheorie von Carl R. Rogers, in seinen zahlreichen wissenschaftlich belegten Ausführungen dazu. In den Unis wohl nicht mehr. Und die lang geübten, genuien ausgebildeten Praktiker*innen sterben absehbar aus.

Ist diese Entwicklung nun eine von vielen Ausdrucksformen für eine „größere Welle“ gesellschaftlichen Wandels weg vom Menschen, hin zur Berechenbarkeit, hin zum Robotertum? Wonach nur noch Gültigkeit haben soll, was „gezählt, gemessen, gewogen“ werden kann und entsprechend umgeplant, umgelernt, umkonstruiert, „gechanget“ werden kann? Und bezogen auf die Therapie dann eben „evaluierbar“ scheint? Ein Schelm, wer an Beratungsroboter denkt...

Wie soll das  gehen, eine therapeutische, beraterische oder supervisorische Beziehung tatsächlich zu messen?  Es lässt sich nur vom Ergebnis her fest machen, meine ich. Wie zufrieden ist ein „Kunde“ oder Klient oder Patient mit dem Ergebnis? Wie sehr hat es sein Leben „gesünder“ gemacht, weniger belastend, ihn sich positiv entwickeln lassen? Ich meine, ist jemand in der Beziehungstherapie oder -beratung nach Rogers ausgebildet, wird es ihm mit (viel) größerer Wahrscheinlichkeit gelingen können, eine konstruktive Veränderung Richtung Reife, etc. anzustoßen.

Für die Supervision wird das schon ein zwiespältiges Feld, könnte man meinen. Denn hier ist der Kunde (z.B. die Organisation als Auftraggeber) nicht identisch mit dem „Klienten“, das ist der oder die Mitarbeiter*in der Organisation. Dennoch – und dabei bleibt es –  sind auch hier immer zuerst Menschen im Spiel. Durch ihre subjektive Wahrnehmung bildet sich das Geschehen der Organisation ab.  Somit ist Beziehung auch hier unerlässlich, weil so eine Verbindung, eine Ebene da ist, um die Perspektiven der Personen zu erweitern, um umfassende Reflexion zu ermöglichen oder überhaupt in Gang setzen zu können. 

Um auch diesbezüglich zum „Klimawandel“ zurückzukommen…. Hierzu schreibt James Bridle („Alles ist erleuchtet, aber man sieht nichts“, KstAz vom 10.01.2020, S. 12) ein international bekannter und einflussreicher KI-Wissenschaftler, Digitalsierungskritiker und Künstler, der „Klimawandel“ sei auch „eine Folge unseres mechanistischen Denkens“,  

„… des Glaubens, wir könnten die Welt durch Technik allein verstehen und beherrschen. Nicht allein die Polkappen schmelzen durch den Klimawandel, sondern auch unser lange Zeit für sicher gehaltenes Wissen, was es noch schwieriger für uns macht, einen anderen Weg einzuschlagen. Ich bezeichne das als `Computerdenken`, ein Ausdruck, den ich für diese sehr enge Denkweise verwende, die die unendliche Vielfalt der Welt auf Daten reduziert. Eine Denkweise, die annimmt, alles sei berechenbar und vorhersagbar.“

 

GwG-Bloggerin Christa Kosmala

Im Zweifel Rogers

www.Christa-Kosmala.de